ULRIKA SEGERBERG 



Keine Schlüssel für keine Türen

Katrin Plavcak


Wörter sind nicht der Schlüssel zum Schloss von Ulrika Segerberg, und dieses Schloss wird auch nicht aus Stein gebaut, sondern aus Farbe und Textilem.
Das Terrain, auf dem uns die Objekte und Malereien, die Textilarbeiten und die in der Performance eingesetzten Ganzkörpermasken von Ulrika Segerberg begegnen ist eines, welches uns, gleich dem Unterbewusstsein, bekannt und unbekannt zugleich erscheint.
Wir sehen, wie die Künstlerin Gegenstände von einem Aggregatszustand in den andern wandern lässt, ihr Personal der Formen wie Brille, Loch und Kreis, die sie in ihrer Malerei entwickelt und konstruiert, finden sich als Objekte wieder, werden so in verschiedenen Medien ausprobiert und erleben dann durch ihr Zusammenspiel eine neue Art der Rollenzuschreibung.


Interessant für die Künstlerin sind der Bezug der Objekte zu ihrem Körper; ihre Gehäuse und Objekte wollen verwendet, ihre Stoffbilder sollen durch ihre Löcher begriffen werden und ein neues, performatives Bild erzeugen.
Wie in den Bauhaustänzen von Oskar Schlemmer entwickelt Ulrika Segerberg Choreografien für sich und ihre Per-Formen und in der Produktion Der umgekehrte See betritt der Zuschauer ein bewegtes Bild.


Die Idee der Welt als Prozess und nicht als feststehende Tatsache ist der Ausgangspunkt dieser Arbeitsmethodik, die aus einem steten Fortspinnen von Bildern, Formen, Wörtern, Materialien und Mustern von einem Medium ins nächste besteht. Die Collage als Technik ist der Künstlerin ein Instrument, die Schere ist das Werkzeug mit dem operiert wird.


Zwischen den Ideen und Gedanken der Künstlerin zu ihrem Werk und dem verwendeten und verwandelten Material entsteht die visuelle Sprache, die Jessica Stockholder als eine beschreibt, die komplexen Zusammenhängen mit einer fließenden Bedeutung Struktur bietet, und diese so zu beschreiben vermag.


Besonders in ihrer neuen Arbeit The Time it takes to whip an Egg, 2014, die als ganze Werkgruppe unter einem Titel auftritt, lässt sich ihre große Experimentierfreudigkeit erkennen, mit der sie auch versucht, die Grenzen des klassischen Tafelbildes zu überschreiten. Es werden Metallwinkel auf die Leinwand geschraubt (Indian Ocean, 2014), um schwebende Textilkreise in frechem Kolorit vor dem Bild auf Distanz zu halten - es werden Löcher gestanzt, um das Davor und das Dahinter des Bildes zu erkunden.


Das Collagieren von Materialien liegt auch dem Objekt Miles and Miles, 2014, welches aus einem Motorradsitz und einem rockförmigen Unterbau in Blau besteht. Eine Chimäre aus weiblichen und männlichen Attributen, changierend zwischen Realem und Abstraktem. Der Ritt auf dem Motorrad-Rock unterwegs am Highway to Hell lässt uns über Geschlechterrollen und Zuschreibungen nachdenken. Wie Meret Oppenheim schafft es die Künstlerin hier, mit Witz auf eingefahrene Geschlechteridentitäten hin zu deuten.


Auch in der Arbeit The Mother is a Square (Find the lady), 2013 setzt sich Ulrika Segerberg mit Rollenzuschreibungen und der Herausforderung zu Mutterschaft und Künstlerinnendasein in kritischer Art und Weise auseinander. Aus einer Erzählung erfährt sie, dass in China ein rechteckiges Blatt Papier die Frau symbolisiert. Die Mutter ist ein Quadrat, da sie in jede Himmelsrichtung strebt. Der Titel spielt jedoch auch gleichzeitig mit dem englischen Ausdruck Being Square / langweilig sein.
Diese Arbeit fand als Performance im letzten Herbst ihre Aufführung im KW Institute of Contemporary Art in Berlin, als Ulrika Segerberg sich im Rahmen eines von ff (Künstlerinnengruppe aus Berlin) organisierten Performance-Abends in eine Gerüststruktur einnähte, um diese zweite Haut am Ende der Performance zu verlassen.


Ihren Humor setzt sie als Strategie ein, um sich sehr persönlichen oder existentiellen Themen anzunähern.
Zitat Segerberg: „In der Arbeit the Painter, 2010 ging es übrigens darum, ein Porträt eines Malers zu schaffen, der sich durch seine wiederholende Arbeitsweise langweilt und darum sehr frustriert ist. Trotzdem klammert er sich an seine ollen Keilrahmen fest.“
Ich muss an dieser Stelle an Philip Guston denken, der sich Mitte der 60ziger Jahre frustriert und radikal von der abstrakten Malerei abwendete und sagte: Ich hatte diese Reinheit einfach satt. Wollte wieder Geschichten erzählen“ und ein Personal aus rauchenden Kapuzenmännern, Uhren und Schuhsohlen betrat seine Leinwände.


Ulrika Segerberg greift in die gebrauchte Welt hinein und recyclet diese Werkstoffe zu neuen, überraschenden Objekten, die für Wesen um die 2m 50cm geschaffen worden zu sein scheinen. Sie vergrößert und übertreibt, um so spezifische Zustände visuell greifbar zu machen.


Alte, handgewebte Laken mit Feuchtigkeitsflecken finden Ihre Verwendung, die sie zusätzlich teilweise einfärbt, um den malerischen Aspekt zu verstärken. Diese bereits gebrauchten Werkstoffe, von ihr selbst oder den Performern getragene Klamotten bringen ihre eigene Geschichte mit, die dann in Objekte verwandelt und aus einem Kontext in den nächsten transferiert werden.


Words are not the key to my castle.
Dieses Schloss scheint sich von uns wegzudrehen, sobald wir es betreten wollen, wie das lebendige Haus von Baba Jaga, einer mythologischen Figur aus dem slawischen Kulturkreis.
Der Wunsch, es zu betreten, wächst indes.